Florian Hartling

Extended Abstract: Archiving digital literature and poetry

Titel Archivierung von digitaler Literatur Florian Hartling/Beat Suter

Archivierung von digitaler Literatur: Probleme – Tendenzen – Perspektiven / Archiving Electronic Literature and Poetry: Problems, Tendencies, Perspectives

Frankfurt am Main et al.: Peter Lang 2010. (=Sonderheft SPIEL: Siegener Periodicum zur Internationalen Empirischen Literaturwissenschaft. Jg. 29 (2010). H. 1+2)

289 Seiten, ISSN 0722-7833

Ausführlicher Abstract

Netzliteratur ist aktuell, interaktiv, subjektiv und gut vernetzt. Doch wie haltbar ist Netzliteratur? Wie lange bleiben Texte, die auf Webseiten veröffentlicht werden, lesbar? Was passiert mit den alten Ausgaben, wenn eine Literaturzeitschrift „vom Netz geht“? Wie archiviert man einen Blog? Sollen Texte, die bewusst im flüchtigen Medium Internet veröffentlicht werden, überhaupt allesamt für die Nachwelt erhalten werden?
Es mutet ironisch an, dass der vergängliche Charakter des Netzes einem Medium anhaftet, das für Dokumentation und Archivierung eigentlich sehr geeignet zu sein scheint. Alle Informationen werden automatisch digital erfasst und prozessiert. Damit sind aber digitale Sicherungen und Auslagerungen ebenso möglich wie die Spiegelung auf verschiedene Server. Es existieren bereits eine ganze Reihe von (oft privatwirtschaftlichen) Archivierungsplattformen, die durch die großflächigen Archivierungen von Seiten der Nationalbibliotheken systematisch ergänzt werden sollen.

Und doch bleibt jede Webseite durchschnittlich weniger als 100 Tage im Netz unter ihrer Originaladresse abrufbar. Danach zieht sie um oder wird komplett gelöscht. Dies gilt selbstverständlich auch für Netzliteratur. Projekte können zudem nicht mehr abspielbar sein, weil ihre Inhalte Plugins voraussetzen, die veraltet sind; oder sie sind nur für bestimmte, alte Browserversionen optimiert und funktionieren nicht mehr bei neueren Browsern. Schließlich kann Netzliteratur sogar nur für eine bestimmte Hardwareplattform konzipiert worden sein und läuft nicht wie intendiert auf nachfolgenden Rechnermodellen. Dadurch ‚vergeht‘ die Literatur, irgendwann kann der Nutzer nicht mehr darauf zugreifen oder sie nicht mehr abspielen. Darüber hinaus existieren keine vernünftigen Vorstellungen darüber, wie digitale Kunst wirklich zulässig und vernünftig gesammelt, somit für die Nachwelt aufbewahrt werden kann. Damit wird der Netzkunst im Allgemeinen und auch der Netzliteratur im Besonderen immer wieder vorgeworfen, flüchtig zu sein und sich dieser Flüchtigkeit auch gar nicht richtig bewusst zu werden.

Verschiedene Genres drehen den Spieß allerdings um. In diesen Konzeptionen sind die Probleme von Archivierung und Musealisierung überhaupt nicht vorhanden, sondern explizit ausgeschlossen. So wenden sich etwa Konzeptkünstler im Netz explizit gegen traditionelle Kunstkonzeptionen, die auf Dauerhaftigkeit angelegt sind. Sie führen darum zumeist das Beständige in ihrer Kunst auch gar nicht fort. Das Netz wird stattdessen als vergängliches Medium begriffen, in dem der Nutzer kaum darauf vertrauen kann, dass die Inhalte bestehen bleiben. Werke werden bewusst auf eine Vergänglichkeit hin konzipiert, sodass sie nur im Augenblick oder in der Zeitspanne der Performance funktionieren. Das Temporäre und Flüchtige wird zum Thema der Literatur.

Bekanntermaßen hat die deutsche Nationalbibliothek seit dem November 2008 einen Sammelauftrag für Online-Inhalte, der auch Netzliteratur umfasst. National und international gibt es viele verschiedene Institutionen und Initiativen, die sich der Archivierung digitaler Literatur widmen. Unklar ist aber weiterhin, wie genau die Archivierung insbesondere von flüchtigen und vergänglich konzipierten Inhalten aussehen könnte.

In dieser Ausgabe der Zeitschrift SPIEL: „Siegener Periodium zur Internationalen Empirischen Literaturwissenschaft“ werden neue Verfahren und Gegenstände der Archivierung von Netzliteratur vorgestellt, wobei sehr unterschiedliche Standpunkte vertreten sind. Neben theoretischen Artikeln zu spezifischen Problemstellungen des Themas kommen auch Netzliteraten selbst und die mit der Archivierung beschäftigten bzw. betrauten Institutionen zur Sprache. Die theoretischen Standpunkte werden somit durch praktische Positionen ergänzt, hinterfragt und teilweise sogar scharf angegriffen.

Im Zentrum der Betrachtung steht damit auch die Frage nach der Anwendbarkeit und Gültigkeit von traditionellen Archivierungsvorstellungen und wird das Verhältnis zwischen Netzliterat und Archivar hinterfragt.

Extended Abstract

Electronic literature and E-Poetry is updated, interactive, subjective and well networked. But how durable is it? How long do texts published on web pages remain readable? What happens to the old issues if one visits a literature magazine “through the web”? How is a blog archived? Should texts that are deliberately published on the fleeting medium internet be conserved at all for the future?

It seems ironic that the transient character of the internet is attached to a medium that seems to be very suitable for documentation and archiving. All information is automatically digitally recorded and processed. This enables digital storage and retrieval as well as mirroring on different servers. There already exist a number of (often private) archive platforms that should be systematically supplemented by extensive archiving by national libraries.

And still each website only remains available on the internet at its original address for less than 100 days on average. Afterwards it moves or is erased completely. This is of course also the case for Net literature. Projects can furthermore no longer be playable because their contents required plugins that are outdated; or they are only optimized for certain, old browser versions and no longer work on newer browsers. Finally, Net literature may have only been designed for a certain hardware platform and does not play as intended on subsequent processor models. This way the literature ‘expires,’ the user can at some point no longer access it or play it. Furthermore, there are no sensible ideas about how digital art can really be reliably and properly stored for the future. For this reason internet art is often accused of being transient without really being aware of this.

However, different genres turn the tables. These conceptions don’t even have the problems of archiving and musealization, but explicitly excluded them. For example, concept artists on the web explicitly turn against traditional art conceptions that aim at permanence. Therefore they mostly don’t continue the idea of constancy in their art. The internet is instead used as a transient medium where the user can barely trust in the contents persisting. Works are deliberately designed for transience so that they only work at the moment or during the performance period. The temporary and transience becomes the topic of literature.

As is known, the German national library has had a collective order for online contents that also includes Net literature since November 2008. There are many different national and international institutions and initiatives that are devoted to the archiving of Electronic literature and E-Poetry. However, it is still unclear how exactly this archiving, particularly of texts that are designed to be transient and short-lived, will work.
In this issue of the magazine SPIEL: „Siegener periodical for International Empirical Literature Study” new methods and objects of the archiving of Net Literature are presented with very different points of view being represented. In addition to theoretical articles on this topic’s specific problems, Net authors, Electronic literature authors, E-poets and institutes engaged in or familiar with archiving comment on this. The theoretical points of view are therefore supplemented, questioned and maybe even attacked by practical positions.

The emphasis of this examination therefore are the question of the practicality and validity of the traditional ideas of archiving and the relationship between internet author and archivist is questioned.