Presse (3): Facebook für Dichter, Twitter für Firmen
Neben Rezensionen zu meiner akademischen Arbeit sind in der letzten Zeit auch zwei Presseartikel zu „Social Network Services“ (also Twitter, Facebook & Co.) erschienen, in denen Stellungnahmen von mir eingeflossen sind. Beide sind online verfügbar.
Los geht es mit der Plattform „evangelisch.de“, das mit dem evangelischen Magazin „Christmon“ (liegt einmal zuweilen meiner Tageszeitung bei) und dem evangelischen Pressedienst (epd) verbunden ist. Diese hatte den Start des ersten(?) deutschsprachigen Facebook-Romans „Zwirbler“ am 1. Juli zum Anlass genommen, um allgemein über neue Formen von netzbasierter Literatur und speziell über ihn selbst zu berichten. Meine Position ist etwas skeptisch: Zum einen glaube ich nicht, dass sich der erhoffte Erfolg einstellt, auch wenn das Projekt derzeit sehr durch den ohnehin virulenten Facebook-Hype befördert wird. Allerdings hat sich immer wieder gezeigt, dass digitale Literatur nie ein Massenphänomen sein kann, gerade wenn sie konzeptuell anspruchsvoll ist, und das Interesse der Leser oft schnell erlahmt. Zum anderen ist „Zwirbler“ natürlich nur das, was ich „Literatur in Netz“ nenne; also vor allem ein klassischer Text, der über die Plattform befördert wird und kaum netztypische Techniken verwendet. Es dürfte interessant sein zu sehen, ob die Kommunikation mit den Lesern wirklich so etwas wie einen interessanten, kollaborativen Text hervorbringt. (Wie das funktionieren kann und auch zu funktionieren hat, stellt etwa das literarische Blog von Alban N. Herbst seit einigen Jahren unter Beweis, auch da eher klassische Texte, aber deutlich intensivere Kommunikationen mit den Lesern, die auch in die Texte fließen, sowie ein kollaboratives, „chorisches“ Tagebuch).
Der Artikel: „Interaktiv: Der erste Facebook-Roman startet“
Die aktuelle Ausgabe des Magazins „Mitteldeutsche Wirtschaft“, herausgegeben von der der IHK Halle-Dessau, interessiert sich (nomen est omen) nicht für die künstlerischen Impulse der SNS, sondern dafür, wie die neuen Dienste von klein- und mittelständischen Firmen genutzt werden können. Der Redakteur hat mich gefragt, wie ich die Chancen für das Business bewerte und was die Firmen zu beachten haben. Auch hier bin ich etwas zwiegespalten. Zwar bieten Twitter & Co. zunächst natürlich ganz hervorragende Möglichkeiten, aus dem reinen Versenden von Werbematerialien herauszukommen und in eine echte Kommunikation mit den Kunden einzutreten. Hier bieten die neuen Plattformen Anschlusspunkte etwa für virales Marketing, das eben auf Kundenvertrauen basiert. Allerdings muss diese Aufgabe auch ernst genommen werden, was vor allem notwendig zu investierende Zeit und damit auch Geldinvestitionen bedeutet. Denn lieb- und strategieloses Twittern bringt keinen Erfolg, kann umgedreht sogar schädlich für das Image sein. Also muss hier die PR-Abteilung (so es sie gibt) oder gar der Inhaber persönlich heran. Mein Fazit: „Man darf nicht halbherzig twittern“.
Das gesamte Heft kann online (sehr löblich!) komplett gelesen bzw. sogar „durchgeblättert“ werden, das Interview steht auf den Seiten 12/13.


Sehr geehrter Herr Hartling,
schön, dass Sie sich intensiv und analytisch mit Zwirbler auseinandersetzen.
Viele Ihrer befruchtenden Gedanken teile ich, einem möchte ich gerne widersprechen:
Sie schreiben:
„Zum anderen ist „Zwirbler“ natürlich nur das, was ich „Literatur in Netz“ nenne; also vor allem ein klassischer Text, der über die Plattform befördert wird und kaum netztypische Techniken verwendet. Es dürfte interessant sein zu sehen, ob die Kommunikation mit den Lesern wirklich so etwas wie einen interessanten, kollaborativen Text hervorbringt.”
Dem ist nicht so. Ein klassischer Text ist fertig, redigiert und lektoriert (wenn nicht gar zensiert), bevor er publiziert oder befördert wird. Zwirbler nicht. Zwirbler entsteht auf und in Facebook. Zeitnahe beeinflusst durch die User (= netztypische Technik).
Wenn Sie die Kommentare und Statusmeldungen der User durchsehen, werden Sie viele und gute davon in der Geschichte wiederfinden. Natürlich subjektiv ausgewählt (Literatur ist keine Demokratie), manches Mal nur ein Wort, eine Formulierung, manchmal ein Gedanke, oft eine Wendung, ein neuer Handlungsstrang. Aber immer wird der Roman von den Usern beeinflusst.
Übrigens ist es auch für mich überraschend, dass die Anzahl der Fans nicht abnimmt (das hätte ich mir nach dem anfänglichen Hype erwartet), sondern (derzeit noch?) steigt: Aktuell über 3.000.
Wie wir wissen, ist es ja einfacher auf irgendeiner Spaß-Seite “Gefällt mir” zu klicken und nicht mehr daran zu denken, als bei Zwirbler Zeit, Aufmerksamkeit und Geduld zu investieren.
Aber vielleicht behalten Sie recht und am Ende sind nur mehr wir zwei übrig:
Sie als Leser, ich als Autor. Qualität korreliert ja nicht mit Quantität.
Also bleibt auch dies spannend.
tg
beste Grüße aus Wien
tg
Sehr geehrter tg,
Ich habe die (durchaus eingeschränkte) Nutzung von netztypischen Technologien und Charakteristiken sehr wohl zur Kenntnis genommen, deshalb steht ja auch ‘kaum’. So, wie „Zwirbler“ konzipiert ist (Konzentration auf Text, der Autor behält die absolute Werkkontrolle, kein kollaborativer Ansatz, Themensetzung des Textes etc.) steht das Projekt der klassischen Buchliteratur näher als wirklich digitaler oder Netzliteratur.
Das ist nicht verwunderlich, letztendlich ist die „Schreibplattform“ Facebook gar nicht dafür geeignet, etwas anderes zu gestalten. (Man hätte es nur in eine App auslagern können.) Man muss sich halt nur klarmachen, dass mit der Nutzung dieser Technologie einhergeht, dass das, was dort produziert werden kann, mitnichten mit dem konkurrieren kann, was digitale Literatur wirklich ausmacht.
Vgl. etwa die wundervollen Arbeiten, die in der „Electronic Literature Collection“ versammelt sind, für deutschsprachige Netzliteratur vgl. die Liste bei „netzliteratur.net“.
Viele grüße, Florian Hartling