Florian Hartling

Kindle – far from being perfect, but probably the best recent device for humanities

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Ich habe im letzten Monat zweimal Hip-Gadgets per Onlineordner direkt aus den USA geshoppt: iPod Touch in der vierten Generation, Kindle in der dritten. Das Timing ist grad perfekt, weil ich meine Arbeitsprocedere und eben auch die dazugehörigen Tools für das neue Projekt gerade neu einstelle und abstimme, und auch etwas Zeit für Tests und Anpassungen habe. Beide Geräte kamen in Wirklichkeit aus China. Mit beiden kann man arbeiten, auch akademisch – da hören die Gemeinsamkeiten auch schon auf.

Über den Kleinstcomputer iPod Touch, der ein wunderbare Musikplayer ist, okay für Video und brauchbar als Hin- und Wieder-Spielkonsole, wird dank des Medienhypes ja viel geschrieben. Er hat sich zu einem recht ordentlichen „digital hub“ entwickelt, indem er Fotos, Audio, Video nicht nur abspielt, sondern auch aufnimmt. So deckt er jetzt weitgehend alle Funktionen ab, die man sich für den Alltag als „digital lebender“ vorstellen kann.

Für den akademischen Alltag ist er aber sehr eigentlich ein brauchbarer und gut zu bedienender „personal digital assistant“. Ich organisiere meine Termine, meine Projekte mitsamt dazugehörigen Aufgaben, meine Kontakte, meine Einfälle und Notizen perfekt mit ihm. Man merkt in vielen Details die wirklich gewachsene Erfahrung einer Firma, die seit über dreißig Jahren ihre Produkte vor allem über deren Benutzbarkeit verdient.

Damit hört es aber leider schon auf – lesen kurzer Texte geht lala, schreiben nur bei knappen Emails. Längere Texte lesen und wirklich durchdringen geht natürlich nicht, ein iPad war mir wegen der Kosten, der Größe und wegen des strahlenden Bildschirms auch ein Dorn im Auge. Und auch damit kann man nicht arbeiten, wie Jeff Jarvis ja so schön (und ein bisschen angenervt) formuliert.

Eine dieser Lücken schließt der monochrome, (weitgehend) monomediale, unsexy Kindle. Es ist unglaublich, wie sehr sich die Geräte unterscheiden, wie ablenkend die bunte Glitzerwelt von Apple ist, wie fokussierend und beruhigend das Grau-in-Grau von Amazon. Es ist das (fast) perfekte Gerät für Geisteswissenschaftler.

Seit einigen Jahren schon suche ich nach einer guten Möglichkeit, wie ich meine umfangreiche digitale Volltextbibliothek wirklich benutzen (im Sinne von lesen, durchblättern, bearbeiten) kann, ohne mir die Texte immer ständig ausdrucken zu müssen. Mit all den Archivierungsproblemen und den Problemen der spontanen Verfügbarkeit. Lektüre am Bildschirm ist nun aber wahrnehmungsphysiologisch ein Graus, außerdem kann nicht gut gleichzeitig der aktuell rezipierte Text und das aktuell zu schreibende Manuskript nebeneinander offen sein, es geht nur in bestimmten Lektürepositionen und –situationen. Ach ja, und natürlich verführen Emaileingang, Twitter- und RSS-Client zur ständigen Abschweife (auch wenn ich die aktuellen Feeds auch sehr stark ausgedünnt habe). Es ist unendlich unpraktisch. What to do?

Kindle löst diese Probleme auf eine charmante Art und Weise: Es ist leicht zu halten, liegt auch gut in der Hand und ist einfach griffig. Das Textbild ist durch die eInk-Technologie wunderbar zu lesen, und alle Details der Textübertragung und –lektüre sind weitgehend ordentlich gelöst. Und es gibt einfach nichts (bzw. nicht viel) mehr als die Texte – Konzentration pur. Und das Handling ist fantastisch: Da eInk unglaublich wenig Strom braucht (nämlich nur zum Umschalten der Seiten, nicht zu deren Anzeige), legt man das Gerät einfach beiseite, wenn man gerade nicht weiterlesen kann, und muss sich keine Gedanken um Akkulaufzeiten machen. Es hält wahnsinnig lang durch, und ist somit von Steckdosen sehr unabhängig. Es kommt dem Buch einfach unglaublich nah. Es ist das (fast) perfekte Gerät für Geisteswissenschaftler.

Der aktuelle Kindle wird darum zu recht sehr gelobt, und von allen Kritiken finde ich die von Martin Lindner am besten, die mich letztendlich auch zum direkten „blinden“ Kaufs animiert hat.

Kindle zeigt also, wohin die Reise gehen sollte, aber leider ist er noch weit davon entfernt, wirklich perfekt zu sein: Man kann auch mit ihm nicht arbeiten. Das Verfassen von Anmerkungen ist wegen der unergonomischen Tastatur unglaublich nervig, nicht auszudenken, da längere Texte zu schreiben – geht ja auch gar nicht. Stattdessen mache ich weiter damit, Kommentare direkt in die Literaturdatenbank zu tippen, oder – wenn der Rechner nicht greifbar ist, diese als Sprachnotiz mit dem iPod aufzunehmen. Warum gibt es nur fünf simple Vergrößerungsstufen, wenn es doch bei eingescannten Texten gerade besser ist, dass der Leser sich die optimale Breite auf dem Bildschirm legen kann? Das Cursorkreuz ist unglaublich fitzelig – ich brauche es aber ständig und frage mich immer, warum es nicht so groß sein kann, wie die Umblättertasten. Ich habe keine Ordnerverwaltung entdecken können, was passiert, wenn ich parallel mit 50 Dokumenten arbeiten möchte? Und ich vermisse den Beschleunigungssensor – manuelles Wechseln zwischen Hoch- und Queransicht ist auch recht unsexy. Könnte man da nicht iPad und Kindle verschmelzen?

Ich habe heute morgen eine Stunde beim Arzt gewartet, derweil anderthalb Fachartikel gelesen und auch geistig verarbeiten können. Kein Zettelwust, keine reine Zeitvertreiberei. Wunderbar.

Update, 08.10.2010
Doch, es gibt eine Ordnerverwaltung (Ordner heißen “Collections”), aber auch recht schlecht gelöst. Hier wäre es besser, man könnt direkt über den Explorer die Ordner anlegen und die Dokumente direkt reinspeichern anstelle von: Dokumente erst einmal so auf den Kindle kopieren, dann dort Dokument für Dokument einzeln in die Collections schieben – very annoying!

4 Kommentare

  1. Ja, die Wege der Gadgets zu uns sagen viel aus über unsere Welt. Dein iPod, lieber Florian, kam ziemlich sicher aus den Werken von Foxconn und entstand unter nicht unbedingt idealen Bedingungen für die Arbeiter dort. Auch mein iPad kam von dort. Den Weg, den es bis zu mir zurücklegte, konnte ich online mitverfolgen. Von Foxconn in China ging es nach Hongkong, dort blieb es eine Weile liegen. Von dort ging es nach Anchorage, Alaska! Dann weiter von Alaska nach Cincinnati, Ohio, von dort kurioserweise nach Kentucky. Und schliesslich landete es via Los Angeles bei mir in Südkalifornien, an sich nicht sehr weit von Apple’s Hauptquartier entfernt. Natürlich musste es dann ein wenig später mit mir auch noch nach Europa reisen. Es ist also bereits sehr weit herumgekommen.

  2. Das wuerde mich ja interessieren, wie detailliert Du das nachvollziehen konntest :) Aber es stimmt schon, dass die ganze Herumreiserei der Wahnsinn ist, ich frage mich immer, wie die Shippingkosten per piece so niedrich sein koennen, dass sich der Aufwand lohnt. Aber dann essen wir Bananen aus Ecuador usw…

  3. Ich kann mich der Begeisterung über den/ das(?) Kindle nur anschließen. Nach der Initialzündung durch die Leihgabe war ich hin und weg und nun bin ich seit ca. 10h stolzer Besitzer. Endlich kann ich meine vielen eBooks sinnvoll nutzen. Ein Tipp: Mit Calibre kann man ohne großen Aufwand Formate wandeln. Von .pdf zu .mobi gibts zwar immer wieder Probleme, aber .epub zu .mobi stellt kein Problem dar. Jetzt kann ich auch die ZEIT im .mobi-Format lesen. Im Zweifel gibts auch noch Abbyy FineReader OCR für Bücher-Scans… Schöne digitale Welt. :)

  4. @Norman Posselt
    Nachtrag: Der SONY PRS-650 eReader hat für 229 € die bessere Software, der Kindle 3rd aber die angenehmere Haptik – und das für unschlagbare 139 $ – außerdem folgen Software-Updates sehr regelmäßig. Vielleicht lassen sich zukünftige Erfahrungen mit dem Kindle teilen.

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